La Sapienza mi persegue, ma io sono più veloce

[28.01.2011]

La Sapienza, die römische Universität ist eine der größten Universitäten weltweit… Ursprünglich in der Nähe der Piazza Navona, befindet sich der Campus-Komplex nun in S. Giovanni, in der Nähe des Laterans.

Bereits vor einigen Tagen war ich wegen eines Studientages, bei dem auch ein EU-Projekt zu frühneuzeitlichen Korrespondenzbeständen vorgestellt wurde, an der Piazzale Aldo Moro und im Gebäude der „Facoltà di Lettere e Filosofia“. Heute Nachmittag nun zum zweiten Mal. Anlass war die zweite Disputatio meines Lebens. Dieses Mal als Zuschauerin! Meine Italienischlehrerin Chiara musste ihre Dissertation verteidigen… Da sie seit Beginn des Jahres in Ankara arbeitet, habe ich die Gelegenheit gern genutzt, um sie wiederzusehen. Allerdings bin ich auch einfach neugierig gewesen, wie denn so eine Verteidigung einer Dissertation in Rom abläuft. Fazit: absolut unvergleichlich…

15 Uhr, Aula III, Facoltà di Lettere

Genau das waren die einzigen Angaben, die ich im Vorfeld erhalten hatte: 15 Uhr, Aula III, Facoltà di Lettere!

Kein Thema! Ich hab mich mit einem Zeitpuffer um 14.15 Uhr am DHI auf den Weg gemacht. Man weiß ja nie, ob nicht irgendwelche Busse zufällig heute streiken. Sicherheitshalber: Metro! Weil man zur Zeit wegen den Umbaumaßnahmen am Hauptbahnhof unterirdisch ca. 3,7km laufen muss, um von Metro A zur Metrolinie B zu gelangen, bin ich lieber gleich ab der Piazza Repubblica zu Fuß gegangen. Ein ganz netter Spaziergang: vorbei an der Deutschen Botschaft, an der Biblioteca Nazionale, mit reichlich Zeit auf das Campusgelände und auch die Aula III ließ sich leicht finden.

Das war vermutlich alles zu „deutsch“ gedacht… Denn vor Aula III war ein Gewimmel von ca. 127 Personen mit einem Geräuschpegel, der einer Menschenansammlung von mindestens 7x so vielen auch gerecht geworden wäre. Mitten unter ihnen: Chiara! Das hieß immerhin, das ich nicht falsch sein konnte. Außer ihr war acht Minuten vor Beginn der Prüfung nur eine weitere Freundin da. Sie musste ihre gebundenen Exemplare der Dissertation, die sie wie alle anderen anwesenden Prüflinge dabei hatte, noch diversen Mitgliedern des Promotionsausschusses überreichen. Das erwies sich insofern als etwas schwierig, weil der Ausschuss aus Präsident, Vorsitzendem (leicht zu erkennen, da mit goldener Glocke zum Läuten!) und anderen Fakultätsmitgliedern auch um 15.20 Uhr noch nicht vollständig angetreten war. Man wartete also draußen vor der Tür, dass die Professoren eintrudelten. Die älteren Damen und Herren, die dann und wann um die Ecke bogen, waren in der Regel nicht die erhofften Prüfer, sondern … Eltern! Denn es war auch nicht nur eine einzige Disputation angesetzt, sondern es waren acht.

Kein einziger dieser acht Kandidaten wusste, in welcher Reihenfolge aufgerufen wird. Ich hatte inzwischen immerhin schon herausgefunden, dass die Sapienza pro Disputatio ca. 20 Minuten ansetzt. Womit begann das Verfahren mehr oder weniger offiziell? Damit, dass eine Hausmeisterin einen Zettel an die Tür der Aula klebte (15.07 Uhr), auf dem nun alle sieben(!) anwesenden Kandidaten nachlesen konnten, in welcher Reihenfolge, sie dran sein würden. Weitgehend alphabetisch. Immerhin eine in sich nachvollziehbare Logik! Der Ablauf sah wie folgt aus:

15:00 Uhr [keine besonderen Ereignisse – lediglich offiziell angesetzter Beginn, der öffentlichen Verteidigung von acht Doktorarbeiten]

15:03 Uhr vier weitere Freundinnen von Chiara biegen schwatzend um die Ecke

15:07 Uhr auch ihr Freund trudelt ein, telefonierend

15:23 Uhr Chiaras Eltern haben es geschafft und machen erst einmal Fotos, wie auch eigentlich alle anderen Gäste, die nicht gerade telefonieren oder Kaffee trinken

15:24 Uhr Chiaras Mutter versucht mit mir Deutsch zu sprechen

15:25 Uhr Chiaras Mutter beschließt ihre Deutschlehrerin in Sorrent zur Rechenschaft zu ziehen, weil ich kein Wort verstanden habe

15:27 Uhr der letzte – nicht einmal wichtigste – Professor erscheint und die erste Prüfung beginnt! Anstatt dass auch vor der Tür nun entsprechende ehrfürchtige (oder wenigstens respektvolle!) Stille einsetzt, scheint sich vor lauter Nervosität der Eltern und der Kandidatinnen und Kandidaten der Geräuschpegel  v o r  der Tür eher noch zu erhöhen. Einzelne Grüppchen verschwinden, um vor der Tür zu rauchen. Es ist bis auf das Gedränge vor Aula III ungewöhnlich leer. Grund dafür: scioppero generale! Generalstreik der Studierenden…

16:00 Uhr das erste Prüfungsgespräch ist vorbei und jetzt wird es richtig spannend: kein Doktorhut, nein, die Kandidatin bekommt von ihren Freunden und Verwandten einen echten Lorbeerkranz aufgesetzt! Ok, ich muss zugeben: die zweite Doktorandin erhielt so einen schwarzen Doktorhut, alle anderen aber exorbitant ausufernde Lorbeerkränze! Die Notenverkündung fand bei offener Tür statt, niemand setzte sich mehr hin, alle Anverwandten wuselten in den Raum. Apropos: ein Raum, der mit Linoleumboden und abbröckelndem Putz sowie knarzenden Stühlen einen solennen Charme zu verbreiten half. Chiara wurde zum Glück nicht nach alphabetischer Reihenfolge hineingerufen, denn mit „V…“ hätten wir dann auch noch bis zum Abend warten können. Sie war als 4. dran. Eigentlich als Fünfte, aber der an vierte Stelle gesetzte Doktorand ließ sich nicht blicken, war nicht entschuldigt und sorgte kurzfristig für Irritationen. Ich würde ‚mal sagen, der Knabe war streiken!

Das eigentliche Ereignis…

Bei der Disputatio an sich weiß ich schon gar nicht mehr, wo man mit all den Unterschieden aufhören soll. Während eine Disputatio an der LMU München mindestens 90 Minuten und möglichst dann doch aber nicht länger als 120 Minuten zu dauern hat und es sich im Idealfall um ein wissenschaftliches Gespräch auf Augenhöhe zwischen dem Doktoranden und den Prüfern handelt, lief das in Rom ein bisschen anders ab. Allein schon der Raum: lautes Hin- und Hergerutsche auf den Stühlen, ein Podest, auf dem an einem Tisch wie hinter einer Barriere sechs der Professoren saßen, davor einige Stufen niedriger als alle 12 Professoren an einem kleinen Tischchen verloren der jeweilige Doktorand/die jeweilige Doktorandin. Das Prüfungskonsortium war interdisziplinär: außer Chiara wurden nur Historiker geprüft, während sie selbst in Romanistik/ Französischer Literatur des 18. Jahrhunderts promoviert hat. D.h. es waren offensichtlich einige Kollegen der historischen Zunft nicht besonders interessiert. Ich würde ‚mal auf die drei Prüfer tippen, die mit offenem Mund Kaugummi kauten, sich wiederholt zusammen unterhielten, ohne die Kernkompetenz „Flüsterstimme“ zu beherrschen.

Es gab keinen einleitenden Vortrag des Kandidaten, aber man gewann den Eindruck vor allem der Doktorvater musste sich vor den Kollegen präsentieren. Denn die Betreuer hielten ein einleitendes Plädoyer, mit dem sie die effektive Redezeit der Doktoranden auf vielleicht 12 Minuten verminderten… Drei verschiedene Handys schafften es aber immerhin doch noch in diesen verbleibenden 12 Minuten zu klingeln. Beruhigend war immerhin die Feststellung, dass vor allem die Dissertation für die Note zählt und diese Disputation nicht viel mehr als ein symbolischer Akt gewesen ist. Ob es unbedingt wie in München sein muss, will ich ja nicht behaupten. Denn dort zählen die über Jahre hinweg zusammengetragenen Ergebnisse genausoviel wie die abschließende Disputatio. Beide haben das gleiche Gewicht und fließen zu 50% in die Gesamtnote ein. Immerhin hat diese strikte Vorgabe aber zur Folge, dass der Disputatio ein ausgesprochen hoher Stellenwert zukommt.

Die Vorbereitung der römischen Doktoranden musste im Stehen vor der Aula umgeben von den 127 engsten Vertrauten in lockerer Plauderatmosphäre erfolgen. Die Gäste trugen bereits alle dicke Blumensträuße im Arm und eigentlich war es nichtmal gestattet nervös zu sein… Weswegen auch? Papà sei ja da… – ja, mit Sonnenbrille und nicht ausgeschaltetem Handy. Ein faszinierendes Erlebnis! Und immerhin gabs am Schluss noch Kuchen. 

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