Frühling in Venedig

Rom, Sonne, 26 Grad, leichter Wind! [25.05.2011]

– und jeden Nachmittag gegen 17 Uhr heftige Gewitter. Gut, dass ist kein Argument, den Versuch regelmäßig alle 4-6 Wochen ein Lebenszeichen aus meinem römischen Alltag zu senden, schon nach drei Monaten so zu vernachlässigen. Schon als ich von einer kurzen Recherchereise nach Wien zurück gewesen bin, dachte ich mir, dass es sich lohne ‚mal über die verschiedensten schrägen Typen, denen ich begegne, zu berichten… Nach Wien kamen dann aber nochmal kurz Archive in München, dann eine Konferenz und Besprechungen in Berlin und schon war ich in Venedig.

– Venedig?

Jawohl, ich hatte schon vor 1 1/2 Jahren ein Stipendium für zwei Monate „Kost & Logis“ in Venedig erhalten. Unter leicht veränderten Vorzeichen habe ich das Stipendium nun zum 1. März angetreten. Randnotiz: Ich mag Venedig nicht! Eine Stadt, die schon aufgrund von zu viel Wasser & noch viel mehr Touristen Verdacht erregt, ist das eine. Aber wenn dann auch noch jeder zweite, dem man erzählt, man müsse für Recherchen nach Venedig, in Sehnsuchtsverzückungslaute ausbricht, dann langts schon im Vorfeld. Wo alle hinwollen, will ich noch längst nicht sein und bis auf einen gut dreiwöchigen Archivaufenthalt im Frühjahr 2008 kannte ich die Stadt auch nicht so wirklich. Meine dreijährige Berechtigungskarte, mit der sich wenigstens ermäßigte „biglietti“ für Vaporetti, die venezianischen Wasserbusse, erwerben lassen, war auch gerade abgelaufen. Außerdem wäre ich viel lieber in Rom geblieben. Mehr als drei/vier Wochen am Stück war ich nur selten zu Hause… Denkbar schlechte Voraussetzungen also.

Venedig, Sonne, 16 Grad, zwischen den Häusern: windstill!

…und es wurde besser als erwartet! Erstens musste ich wegen Beiratssitzung, Vortrag und Projektbesprechung sowieso drei Mal übers Wochenende nach Rom zurück und zweitens: WGs können ja doch einiges auffangen! In meinem Fall wars im März eine 5er WG mit jüngeren Promovendinnen. Kernkompetenzen wurden schnell erkannt: ich wurde bekocht!

Und dafür habe ich Stipendienbewerbungen, Einleitungen und Schlusskapitel Korrektur gelesen… Ein sehr guter Tausch! Nach kurzer Zeit waren auch die kurzen Wege in Venedig ein Traum! Während man es in Rom kaum schafft, mehr als zwei Veranstaltungen am Abend zu besuchen, weil man schlicht für den Weg von A nach B viel zu lange braucht, im traffico steckt oder ewig auf Buslinien warten muss, konnte man in Venedig von einer Vernissage im Palazzo Grassi ohne Probleme zu einer Vortragsveranstaltung einer Fondazione weiterspringen, um anschließend noch bei einem Literaturfestival die Lesung eines deutschen Schriftstellers zu verfolgen. Und anschließend war es stets noch möglich in nicht mehr als 12 Minuten „a piedi“ auf einen Spritz zum Campo zu spazieren; in diesem Fall war der Campo schlechthin der Campo Santa Margherita: http://venedig.jc-r.net/campi/campo-santa-margherita.htm

Campo

An Donnerstagen war es dort abends so voll wie andernorts nur freitags oder samstags. Die Studenten kommen zum Großteil aus dem Veneto oder dem Friaul und am Freitag fährt man heim! Selbst Archivare konnte man dort treffen. Wobei man die Exemplare des Archivio di Stato nicht unbedingt auch noch außerhalb ihres Refugiums treffen will. Eine ganz besondere Spezies. Überhaupt entwickeln sich mit der Zeit einige Archive geradezu unerklärlicherweise zu Lieblingsarchiven. Das Archivio di Stato in Venedig gehört … nicht dazu! Bestellt man eine sogenannte „busta“ – ein weitgehend unsortiertes „Faszikelbündel“ – kann es passieren, dass man

- zur Ehrenrettung:  n i c h t  aus dem Archivio di Stato di Venezia

a) anstatt busta 753 aus den Gerichtsakten, beispielsweise busta 23 aus den Notariatsakten erhält…

b) schulternzuckend zu hören bekommt: „Paolo ist nicht zum Dienst erschienen, deswegen kriegen heute alle Nutzer nur 1 Akt, boh!“

c) damit leben muss, dass die Archivaufsicht am Nachmittag 40minütige Telefonate mit ihrer Mamma führt

d) der Faszikel nicht gebracht werden kann, weil die Leiter zu kurz ist, diese Nummern aber ganz oben im Regal liegen und der größte Archivar nicht da ist, der normalerweise daran zu reichen imstande ist…

e) – aber eigentlich steht in dem Akt auch nichts interessantes drin.

Danke, Witzbolde!

Diverse solcher Episoden im venezianischen Staatsarchiv führten dazu, dass ich meinem Lieblingsarchiv in Rom eine Postkarte aus Venedig geschickt habe… Eine Sehnsuchtskarte(!) wohlgemerkt! Zufällig waren zwei meiner Kollegen vom DHI im winzigen „Lesesaal“ dieses heimeligen, wunderbaren, großartigen Archivs als meine Karte ankam… Offensichtlich hat sich der Archivar so gefreut, dass ersichtlich wurde: ich muss zurück nach Rom! Heute Nachmittag habe ich wieder dort gearbeitet! Schön wars! Heimat *g

Rom und alles anders

Überhaupt: zurück in Rom und alles anders. Zum 1. Juni muss ich mein Büro räumen, weil die Administration vorsieht, dass ich mit einer Projektkollegin im anderen Gebäudeflügel ein Büro teile. Halleluja! Nichtmal die Tatsache, dass ich mir bislang das Büro mit einer Frühneuzeitlerin (fachlich sinnvoll) geteilt habe und wir beide an dieser Büro-Konstellation festhalten wollten (menschlich sinnvoll), hat gereicht. Umzug ist vorgesehen für Dienstag Abend. Immerhin helfen mir drei Kollegen dabei, denn sonst wäre ich bei den ganzen Büchern einen kompletten Tag beschäftigt.

Vorteil immerhin: meine neue Zimmerkollegin Michela ist Italienerin! Und ich kann zwar Vorträgen auf Italienisch folgen, aber Alltagssprache ist noch ein Manko… Also wird das jetzt ein dienstliches Sprach-Tandem. Zumal sie gerade damit beginnt, Deutsch zu lernen. Das gleiche bei mir in der Carlo Zucchi… Miguel, den Portiere, gibt es nach wie vor. Inzwischen habe ich auch seinen blonden, blauäugigen Sohn kennengelernt. Und Miguel selbst überraschte mich vorgestern mit dem Plan, dass er jetzt Deutsch lernen wolle. Ich hoffe ‚mal, dass lässt keine Schlüsse über das retardierende Moment meiner Sprachkenntnisse zu. Aber es freut mich!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s