Abseitsfalle – oder: Vorliebe für pfeifende Bauarbeiter!

Man pfeift mir nicht hinterher, man hat mir noch nie hinterhergepfiffen und ich vermisse es eigentlich auch nicht! Es gibt aber Momente, in denen man sich diese auf Distanz angedachte Art der gleichsam dezenten Anmache wünscht…

Einer dieser Momente  sind die Abseitsfallen im römischen Straßenverkehrt. Es ist ein Trugschluss, dass es sich bei der klassischen „Abseitsfalle“ um eine fußballerische Strategie handelt, um den Gegner im eigenen Strafraum auszutricksen. Es sollte überhaupt gar nicht erst um Strafräume gehen. Denn diese Fallen kommen unerwartet, ungelegen und definitiv immer im Abseits. Worum geht es? Nun, stellen wir uns einfach die Protagonisten vor: ein Sandwich/Panino aus der Bäckerei „Forno“ in der Via della Scrofa, eine junge Frau Anfang/Mitte 30 mit Hunger(!) und auf dem Heimweg. Das Panino mit Puntarelle und Sardellensoße typisch römisch für diese Jahreszeit. Es befindet sich im Prozess des Abkühlens und ist in eine Folie gewickelt, aus der ein oberes Stück herausguckt. Da es sich zudem in der Hand der jungen und leicht müde-erschöpften Frau befindet, kann man auch ohne Sherlock-Holmes-Qualitäten davon ausgehen, dass sie in kürzester Zeit hineinbeißen will…

Weil ich keine Zeit hatte das leckere Objekt kulinarischer Begierde zu fotografieren (und in diesem Moment auch nicht ahnte, dass es zu Illustrierungszwecken ratsam gewesen wäre), hier also nur ein vergleichbar schmackhaftes Panino mit anderem Belag.

Kulisse: Rom, Historisches Zentrum. Ich hatte wie gesagt Hunger! Aber ich wollte mich kurz hinsetzen, um zu essen. Habe also die Augen nach einer Bank offen gehalten. Vor der Biblioteca Angelica waren 317 Pfadfinder und haben die Treppenstufen blockiert. Auf die übervolle Piazza Navona hatte ich nicht so recht Lust. Aber auf deren Rückseite an der Piazza delle Cinque Lune stehen drei Holzbänke vorm Tourist Info Kiosk. Eine war meine. Kaum hineingebissen (ins Brötchen, nicht in die Bank), saß auch schon der Protagonist der Abseitsfalle neben mir: Daniele! Klein, untersetzt, schmierig, ca. 74. Ok, 47… Was es aber nicht ansatzweise besser macht. Eröffnungssatz – genuscheltes(!) „Che ore sono?!“ Hä? „What time is it!“

Auch der Herr hier links im Bild ist ebensowenig Daniele, wie oben kein Panino mit Puntarelle zu sehen ist. Aber um wenigstens eine Ehrenrettung des Römers an und für sich einzuschieben: die meisten sind ja nicht so! Dieser Herr hier links würde mich in Ruhe essen lassen – keine Frage!

Aber zurück zu Daniele. Entscheidender Punkt: Auch sein englischer Vorstoß  i s t  k e i n e  Frage! Denn es ist ein Ausrufezeichen! Subtext: „Schaun’s Madam, ich kann auch Englisch!“ Gucke ich eigentlich zu freundlich? Also ich habe geantwortet, dass es viertel nach fünf sei und den Blick abgewandt. Subito! Nützte aber nichts. Denn Abseitsfallen haben ja Übung: ruhige Ecken, penetrant die gleichen Fragen und Antworten sowie eingespielte Konversationsmuster. Hab ich schon gelernt. …dass ich ja gut Italienisch spräche. Wo ich denn herkäme. Ah, in Deutschland sei es ja kalt. – NEIN! Normal halt. – Aber die Italiener seien doch viel hübscher nicht?! – NEIN! – Weil sie ja auch viel mehr Komplimente machen als die stümpernden Deutschen. – NEIN, das sähe ich anders. – Aber woher ich denn genau sei?! Daraufhin habe ich die Taktik einsilbige Nein-Antworten zu geben, verändert und in sachlich-nüchternem Ton gesagt, ich hätte Hunger, ich sei müde und ich möchte mein gerade kalt werdendes Panino gern  i n  R u h e  essen. Überraschungsmoment für den Gegner! Der denn auch bis zum letzten Bissen (ich weigere mich, nur wegen solchen Typen meine Bank zu verlassen und im Stehen zu essen!) nichts mehr sagte. Er hing mehr so ostentativ beleidigt und gekränkt in seiner Ecke. Immerhin das erste Mal mit einem anständigen Abstand.

Der Witz an der Sache ist, dass mir erst nach meiner Rückfrage, was er denn da in seinen Bart genuschelt hätte, bei seinem „What time is it!“ auffiel, dass ich ihn bereits einmal mit exakt derselben Masche an einer Bushaltestelle getroffen hatte. Auch da hatte ich mehr gedankenverloren in ein Schaufenster geguckt und mich bewusst etwas abseits vom Getümmel gehalten. Er war damals so dreist gewesen, mir schon fast das Stundenhotel zu offerieren, obwohl ich auch bei dieser Begegnung vor ca. 1 Jahr von Anfang an einsilbig war. Man sieht sich immer zweimal… Anzubieten hätte ich auch noch Franco! Ca. 68, Pomadenhaar, Büro am Corso Vittorio Emmanuele. Den habe ich ebenfalls zweimal getroffen. Das erste Mal muss ich so deutlich gewesen sein, dass er abzog. Beim zweiten Mal – fast die gleiche Bushaltestelle – fragte er auch nur nach einem Kugelschreiber, den ich eh nicht bieten konnte. Herrlich! Aber anstrengend und wenn man ein gutes Gedächtnis für solchen Schmarrn hat, auch belastend… Man wünscht sich dann direkt Regenwetter. Denn dann sieht die Piazza Navona so aus wie unten. Abseitsfallen bleiben dann zu Hause oder lamentieren in ihrer Bar an der Ecke über das Wetter! Ganz allein.

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