Ein Loch zur rechten Zeit…

Ich habe mir heute die Laokoon-Gruppe angesehen. In jedem Geschichtsbuch kommt sie vor. Noch häufiger bebildert sie Lateinbücher. In jedem Fall kennt man sie… Und dann stand ich da so im Cortile delle Statue der Vatikanischen Museen und musste erst suchen. Rechts eine antike Wanne aus Marmor. Links einige Statuen. Direkt neben mir ein Apoll mit Hündchen. Aber genau gegenüber drängte sich eine japanische Reisegruppe und machte Schritt für Schritt die bekannte Skulpturengruppe frei. Auf den ersten Blick erschien sie mir kleiner als ich erwartet hatte. Auf den zweiten Blick schon wieder weniger. Verschlungene Arme, Beine, Schlange. Als ob es kein Marmor wäre. Faszinierend finde ich, wie die große Skulptur im 16. Jahrhundert gefunden wurde. Kaum entdeckte man in der italienischen Renaissance die Antike wieder, schien man allenthalben über Statuen zu stolpern.

Was so flapsig dahingesagt ist, traf am 14. Januar 1506 tatsächlich den Kern! Felice de Fredis fiel in ein Loch am römischen Esquilin… Nachdem er sich von seinem Schreck erholt und vermutlich die Augen gerieben hatte, entdeckte er über sich die Laokoon-Gruppe. Sie befand sich – im 16. Jahrhundert inzwischen unterirdisch – in den Ruinen der „Domus Aurea“ von Nero. Der Fund wurde in kürzester Zeit zum römischen Stadtgespräch, so dass Papst Julius II. seinen Architekten da Sangallo und Michelangelo zu de Fredis schickte, um den aufsehenerregenden Fund zu beurteilen. Die beiden schwangen sich also auf ihre Vespa. Verzeihung, sie werden natürlich ihre Pferde genommen haben, um die Statuengruppe zu inspizieren. Kurz und gut: Das Urteil der beiden Star-Architekten fiel positiv aus. Man sah in der Statue den bereits von Plinius erwähnten Laokoon und mir nichts dir nichts wechselten Schlange, Laokoon und seine beiden Söhne den Besitzer und ihren Standort.

Der Papst ließ das Kunstwerk mit dem abgebrochenen Arm in die heutigen Museen bringen. Der erfolgreich ins Loch gefallene de Fredis wurde mit Pfründen und 1.500 Dukaten entlohnt und mauserte sich so zum reichen Mann.

Wenn man Bilder der Laokoon-Gruppe im Internet sucht und sich die Ergebnisse aufmerksam ansieht, fällt auf, dass Laokoons rechter Arm zunächst ergänzt worden war. Erstaunlicherweise mit gestrecktem Arm. Dabei hört man von Kunsthistorikern mitunter, dass die erhaltenen Armmuskeln von vornherein eine gekrümmte Armhaltung wahrscheinlicher gemacht hätten. 1905 meinte Ludwig Pollak, ein Archäologe und Kunsthändler, schließlich in einem römischen Antiquariat den tatsächlichen Arm gefunden zu haben. Es dauerte aber bis in die 1950er Jahre, bis das im Ellenbogen angewinkelte vermutete Original ersetzt wurde. Weitere Ergänzungen bei den Figuren der Söhne Laokoons (ein Arm und eine Hand) wurden im Sinne einer möglichst unveränderten Skulpturengruppe wieder entfernt.

Ergänzungen dran, Ergänzungen ab. Die Laokoon-Gruppe spiegelt das jeweils aktuelle Verständnis vom Umgang mit antiken Originalen. Die Gruppe blieb seit dem 16. Jahrhundert in den Vatikanischen Museen in Rom. Für eine kleine Unterbrechung dieser beeindruckenden Ausstellungskontinuität war lediglich zwischen 1798 und 1815 Napoleon verantwortlich, der die Skulptur nach Paris abtransportieren ließ.

Abschließend ein kleiner Tip, wenn man sich Laokoon und seine Söhne im Original ansehen möchte:

Viele Freunde, die mich in Rom besuchten, trauten sich nicht, einen Besuch in den Vatikanischen Museen einzuplanen. Sie erscheinen zu groß und die ewig lange Schlange, die sich vom Eingang der Museen in Richtung Piazza Risorgimento erstreckt, scheint zusätzlich abzuschrecken. Dabei ist es inzwischen möglich, Eintrittskarten online zu kaufen. Zusammen mit dem ausdruckbaren Ticket erhält man eine Uhrzeit, zu der man sich am Eingang einfinden muss. Auf diese Weise umgeht man die Warterei. Beides lohnt sich aber natürlich. Der vorausplanende Reisende ist halt nur ein anderer Typ als derjenige, der sich stundenlang in die Sonne stellt und die Gehwegplatten zählt, die ihn dem ersehnten Eingangstor näher bringen…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s