Römische Sonntage

Man nehme:

  • einen Sonntag Morgen
  • dazu einen aufklarenden Himmel mit vereinzelten Wolken und angenehmen Temperaturen
  • etwas Wind und wenig Verkehr auf den Straßen (fast nur stadtauswärts, kaum stadteinwärts)
  • keine Pläne
  • keine Termine

Die Zutaten für einen typischen Sonntag eben. Der letzte dieser Art war für mich allerdings ein Erlebnis! Endlich hat sich mir ein weiterer Teil des römischen Lebens entschlüsselt. Und das kam so: Ich habe ausgeschlafen und mich anschließend mit einer Freundin zum Kaffee getroffen. Vor der Bar saß dann zufällig noch ein befreundeter Journalist, der sonntags arbeiten musste und eine kleine Pause nutzte, um die aktuellen Schlagzeilen der Zeitung bei einer Cola zu studieren. Man könnte meinen, die Römer, die um uns herumsaßen und ebenfalls ein spätes cornetto, ein frühes panino oder bloß einen caffè zu sich nahmen, würden einer klassischen Sonntagsbeschäftigung nachgehen, dabei ein bisschen vor sich hinschauen und den Tag genießen. Aber, nein, das war es nicht!

Ich könnte auch nur mutmaßen, ob die Mehrzahl der Römer sonntags früh bereits in der Messe war. Glaube es aber eher nicht. Sie tun manchmal gern so und wenn, dann putzen sie sich auch ordentlich heraus. Aber es ist doch nur ein Bruchteil, der am Sonntag in die Kirche geht und nicht als Geistlicher oder als Ministrant ohnehin in den Ablauf der Messe eingebunden ist… Auf den Spuren der Römer haben wir uns dann entschieden, einen Ausflug zu machen. Die Wettervorhersage hatte ab 14Uhr starken Regen angekündigt, aber es blieben noch ein paar Stunden und vielleicht wären ja die Römer auch alle am Meer gewesen. Oder vielleicht in den Bergen? Weder noch! Wir waren ziemlich allein am Strand und haben den Wind und die Wellen genossen. Auf dem Rückweg fing es wie versprochen an zu regnen und wir bekamen Hunger. Ok, wir bekamen Appetit auf Pommes Frites. Das kommt ja vor… Und insofern reifte der Entschluss, einem Mc Donald’s Schild nachzufahren, sollte es an der Straße eines geben.

Passiert allenthalben, dass man so ein Schild entdeckt. 5, 3 o 2 Minuti… – und so landeten wir in einem skurrilen Shopping-Center namens da Vinci, das einem uramerikanischen Traum entsprungen zu sein schien: Nicht enden wollende Parkplätze wanden sich in Zirkeln und Kreisen um einen zentralen Mc Donald’s mit Rutsche, Außenbereich und Mc Drive. In den Außenbereichen konnte man die Produktpalette sämtlicher Einkaufsstraßen Roms auf wenigen hundert Quadratkilometern erahnen. Und mittendrin ein paar Informationstafeln über diverse Notgrabungen, die unterhalb des Parkplatzareals Teile der Fossa Traiani ausgemacht hatten. Uns schnellen Schrittes dem Mc Donald’s zu nähern, scheiterte an den nassen Fliesen, mit denen die Fußwege belegt waren. Rutschig wie nur sonstwas… Ich würde schätzen, dass sich pro Woche mindestens 37 Großmütter das Steißbein prellen, 14 einen ihrer Arme brechen und 19 mit einer Platzwunde nach Hause kommen, weil sie versucht haben, einem Sturz zuvorzukommen und stattdessen gegen eine der Straßenlaternen gelaufen sind… Nicht weniger rutschig war der nasse Boden im Fastfood-Restaurant!

Problem war nur: man konnte den Boden gar nicht sehen! Denn hier waren alle Römer. Und wenn ich sage „alle“, dann meine ich das auch genau so… In einem herkömmlichen Eingangsbereich mit unverstelltem Zugang zu den Kassen, an denen man sein Menü bestellt, drängelten sich ca. 3.017.234 Römer mit Kindern und Kindeskindern. Um dem Ansturm auch nur halbwegs gewachsen zu sein, schoben sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Headset, portablem Bestellcomputer und der ständigen Frage „Was möchten Sie bestellen?“ auf den Lippen durch die Menschenmenge, um bereits im Vorfeld zu kanalisieren, wer sein Menü aus welchen Bestandteilen der Produktpalette zusammenstellen wollte. Mehr als die Hälfte derjenigen, die einen Tisch erkämpft hatten, öffneten unter lautem Geschrei ihre Happy Meals und vergaßen vor lauter Glück, die kalt werdenden Pommes zu essen… Die andere Hälfte wagte sich zurück ins Getümmel, um wahlweise die Oma, den Ehemann oder das zweite Kind aus den Fängen von Ronald Mc Donald zu befreien. Übrigens gibt es keine Sparmenüs in Italien. Nur Menu Classico und eine Supergröße… – kann man den vielen dicken kleinen Kindern auch direkt ansehen. Auch wenn ich mir sagen lassen musste, dass ein Blick in deutsche Schwimmbäder noch mehr kindlichen Bauchspeck als in Italien offenbart.

Das Gewusel, die Lautstärke, der vom Regen nasse Boden und die Security sowie die Bedienungsmäuschen mittendrin waren  u n v o r s t e l l b a r ! Aber eben auch eine Erfahrung. Das machen die römischen Familien also gemeinsam am Sonntag. Zuerst wird im Einkaufszentrum geshoppt und anschließend werden die Kinder für jede erfolgreich anprobierte Hose mit einem Burger, Pommes, aufziehbarem Plastikspielzeug und einer Cola belohnt. Wobei mindestens ein Drittel der Pommes als kläglich breitgetretener  Kartoffelmus auf dem Boden enden. Faszinierend und eben eine veritable Sonntagsbeschäftigung; – vermutlich nicht nur für Römer. Aber für die eben auch!

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