Italienische Orte: das Postamt

A, E und P. Durch die Tür einer Posta Italiane betritt man eine Welt aus Formularen, Buchstaben und Anzeigentafeln. Ich wollte schon länger auf die wundersame Parallelwelt der italienischen Postämter eingehen. Jetzt habe ich in einem anderen Blog über apulische Postfilialen lesen können und will nun doch auch gern mit der römischen Post nachziehen.

attenzione posta italiane

Ob sich die Römer gern in der Post treffen, kann ich nichtmal sagen. Sie tun es jedenfalls. Stundenlang, mit Ausdauer oder ohne. Aber immer mit einem zerknüllten Papierzettelchen in der Hand. Denn wer das Postamt betritt, zieht eine Nummer. Was in In Italien steht man nicht in fila wie vielleicht in Großbritannien noch vor einigen Generationen. Nein, Schlange stehen, das war hier gestern (oder nie). Heute zieht man eine Nummer und kann dann abwägen, ob die Diskrepanz zwischen gezogener Nummer und gerade drankommender Nummer am Schalter zu groß ist oder ob das Warten doch in Frage gezogen werden sollte…

Je später der Tag, desto schwieriger. Ich bin schon in die Post gekommen, habe versucht eine Oma mit Rollwägelchen zu überholen, um mindestens eine Nummer weiter vorne zu sein, hechte zum Automaten, stelle fest, dass er defekt ist, springe zum nächsten am anderen Ende der Filiale und erwische…. Nr. P 617. Ok, durchatmen und der bange Blick zur Anzeigetafel…??? P 423. Ich meine: VIERHUNDERDREIUNDZWANZIG?!?! Das lässt sich schon nicht mehr in Stunden rechnen, das sind Äonen! A war noch schlechter dran, das gebe ich zu. A steht für Finanzgeschäfte. Die Italiener bekommen ihre Rente nicht unbedingt auf ein Girokonto überwiesen, sondern erhalten es gegen eine Art Zahlschein in bar am Postschalter. Deswegen ist es auch immer eine größere Truppe an faltengegerbten alten Männern und schick gemachten nonne mit gefärbtem Haar, die sich in der Post herumtreiben. A hatte an der Anzeige gerade Nr. 617 aufgerufen. Aber die verzweifelte Dame neben mir, die lediglich eine Rechnung bezahlen wollte, hatte gerade Nr. 998 gezogen. Herzlichen Glückwunsch!

Bei diesem Rechnungssystem gehe ich inzwischen schon gar nicht mehr zur Post. Ein Aufpreis von ca. 50 Ct. bis 1 Euro lässt mich meine Strom- und Gasrechnungen auch in einigen Bars mit Lottomatico-System bezahlen. Kein italienisches Konto zu haben, hat sich in dieser Hinsicht auch schon mehrfach bewährt, denn als wieder und wieder Rechnungen über ein nicht funktionierendes Telefon ins Haus flatterten, konnte ich die Bezahlung einfach einstellen und Beschwerde einreichen. Hätte ich eine Abbuchungsgenehmigung erteilen können, hätte ich das Geld sicherlich heute noch nicht wieder. Also lieber ein bisschen durch die Gegend rennen.

In meiner Post im Westen Roms kann ich seit neuestem jetzt auch sportelli con allarme bewundern. Sportelli sind die Schalter, hinter denen mich die Postbeamten erwarten. Es ist mir ganz egal, ob es Beamte nach deutscher Vorstellung sind oder nicht. Die Arbeitshaltung jedenfalls karikiert jedes Klischee… Ob diese Schalter jetzt einen Alarmknopf haben? Hm, zumindest gibt es abschreckende Aufkleber, die so tun als ob. Will ich mein Paket abgeben, muss ich es dennoch in einen doppelt gesicherten Glaskasten legen. Erst wenn meine Seite wieder automatisch verschlossen wurde, öffnet der Postbeamte auf der anderen Seite sein Türchen und entnimmt mein Paket. Wie viele diese Postfilialen wohl überfallen werden?

Sportelli amici gibt es auch! Die haben dann um den Aufkleber herum sieben Sternchen, die an die Sterne der EU-Fahne erinnern. Freundlicher macht das die Postmenschen nicht…

Besonders imponiert hat mir neulich eine Postangestellte, die eine Gruppe Jungs im pubertierenden Alter bediente. Ein Traum! Es waren aber nicht nur vier Jugendliche, die sich permanent ihre Smartphones aus den tief hängenden Jeanstaschen zupften und coolness zur Schau trugen, nein, es war eine Gruppe taubstummer Jungen! Großartig. Einer von ihnen war immerhin nur schwerhörig, was sich daran ablesen ließ, dass er ein Hörgerät trug und auch den Dolmetscher zwischen den übrigen dreien und der Postfrau gab. Er hörte aber wohl auch kaum, er las nur besser von den Lippen ab. Eine Fähigkeit, ohne die ich ja auch aufgeschmissen wäre. Lustig war nun zu erleben, dass die Dame hinterm Schalter mit zunehmendem Unmut immer nur  l a u t e r  sprach anstatt deutlicher zu sprechen! Im Gegenteil, sie verwendete dann irgendwann so viel Gesten, dass man schlicht gar nichts mehr verstehen, geschweige denn aber an den Lippen ablesen konnte.

Aber ich gebe zu, dass auf diese Weise nur selten so massive Verzögerungen bei den Nummern vorkommen. Manchmal ist halt in der Mittagspause, wenn besonders viele Leute eilig zur Post strömen, nur ein einziger Schalter geöffnet. In der Post hat man ja auch Hunger. Oder aber die Postbeamtin hat keine 60 Cent Briefmarken mehr für mich und stückelt mir also die Briefmarken für inner-italienische Briefe aus 5ern und 10ern zusammen und damit ich es auch schaffe, das korrekte Porto auf meine Umschläge zu kleben, ist sie nicht davon abzubringen, mir jeweils 60 Cent in Marken mit einer Büroklammer zu kleinen Stapeln zusammenzuheften. Hätte ich das geahnt, wäre ich a) zu einem Tabacchi-Laden gegangen und b) hätte ich nicht 20 60-Cent-Marken haben wollen! Manchmal (ich ahne: meistens!) liegt es auch daran, dass einzelne Kunden – nennen wir sie potentielle Kunden – genervt aufgeben und mitsamt ihrem Zettelchen und lauter süditalienischen Flüchen den Ort des Grauens verlassen! Die wenigsten sind so aufmerksam, ihre Nummer auf den Automaten zu legen, damit ein anderer versuchen kann, die Nummer 476 noch lebend und am gleichen Tag zu erreichen.

Bei vielen Päckchen greife ich auf die kostengünstigere und immer leerere Vatikan-Post zurück. Aber die befördern nur Päckchen unter 2 1/2 Kilogramm. Sobald es also Buchpakete sind, muss ich zur italienischen Post, die abends aussieht wie ein Wettbüro nach einem heißen Pferderennen: alles liegt voller Papierschnipselchen. Die Energie und die Emotionen, die bis kurz vor Schließung der Filiale noch hochgekocht sind, lassen sich fast greifen. Und am nächsten Tag geht es dann gleich weiter! Wozu auch anders, Kommunikation ist alles. Und je lauter, desto besser!

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