Schokoladenherzen in der Münchner S-Bahn

Theatinerkirche MünchenDeutsche sollen so verschlossen sein. So unfreundlich. Nicht so kommunikativ wie die Italiener zum Beispiel. Komische Vorurteile, die ich so bislang noch nicht bestätigen konnte. Auch wenn ich zugeben muss, dass die Römer selbst an Bushaltestellen gern mit völlig unbekannten Mitmenschen ins Gespräch kommen. Meine These ist allerdings, dass es vor allem wegen der häufigen Streiks, Busausfälle und langen Wartezeiten einfach Gesprächsthemen, Frustration und Handlungsbedarf gibt. Alle diese Gespräche unter Unbekannten fangen nämlich an, wenn sich jemand ins Blaue hinein (will sagen: in die Menschenmenge hinein!) über die lange Wartezeit und das miese Wetter beklagt. In Deutschland kommen die Busse in der Regel pünktlich und so kommt auch nur selten ein Gespräch zustande. In London erinnere ich mich sogar noch, dass ein spontan entstehendes Gespräch zwischen zwei tube-Nutzern in der Piccadilly-Line dazu führte, dass meine Bekannte tief beeindruckt bemerkte, dass sie noch nie zuvor erlebt hätte, dass zwei Unbekannte ein Gespräch begonnen hätten. Da liegt also gar kein singuläres deutsches Problem zugrunde.

DB_Regio

Und wie kommen wir jetzt zu den Schokoladenherzen? Nun, ganz einfach: Nehmen wir einmal an, ich war ein paar Tage in München und müsste zum Flughafen zurückfahren. Ich packe also mein Köfferchen und stelle fest, dass ich das Geschenk einer Freundin noch nicht aufgefuttert habe: leckere Schokoladenherzen! Ich nehme also das Schächtelchen, das nicht mehr in den Koffer passt und esse eines und hinterlasse ihr ein paar Herzchen auf dem Schreibtisch. Den Rest nehme ich mit, versorge eine Freundin, mit der ich zum Frühstück verabredet bin mit weiteren Herzchen. Anschließend steige ich in die S-Bahn. Die vorderen Wagen der S1 fahren nach Freising, der hintere Wagenteil zum Flughafen.

Mitnehmen kann ich die restlichen Herzen nicht. Essen klappt auch nicht mehr; zu viele. Ich lege das goldene Schächtelchen also neben mich auf den Sitz einer 4er-Sitzgruppe und wechsele auf die andere Seite des Ganges. Die Bahn ist nicht besonders voll. Erst an der Donnersbergerbrücke steigt eine Frau Mitte 50 ein und setzt sich neben die Schokoladenschachtel. Sie schaut hinein und sieht die Schokolade, is(s)t ganz begeistert und hält sie mir hin. Aber die Schachtel soll ja gar nicht zu mir zurück! Ob ich denn nicht probieren wolle?! Weil ich ahne, dass man nicht einfach in undefinierbare Pralinen beißt, die irgendwo herumliegen, erfinde ich die Geschichte von einem Pärchen, die eben noch dort saßen und sie wohl vergessen hätten. Daraufhin steckt die Frau sich ein Vollmilch-Herzchen in den Mund. Ich nehme auch noch eines. Wir kommen ins Gespräch. Zunächst über die Wohnungssituation.

München Immobilienmarkt

Sie selbst lebe seit 40 Jahren in einer hübschen kleinen Altbauwohnung. 350 Euro zahle sie. Selbst mit Tochter und phasenweise zu dritt war es möglich, die Wohnung zu behalten. Jetzt habe sie manchmal Couch-Surfer zu Gast gehabt gehabt.

Das Gespräch wird interessant. Couch-Surfing kenne ich nur als Modell, aber noch nie habe ich mit jemandem gesprochen, der sein Sofa fremden Reisenden für eine oder zwei Nächte zur Verfügung stellt. Couch-Surfen ist kein Sport, sondern eine Reise- und Lebensart. Junge Leute und vermutlich ebensoviele Alt-Hippies melden sich im Internet an und schlafen kostenlos bei anderen Couch-Surfern, die ihr Sofa inserieren. So kommt im Zweifelsfall die ganze Welt in einer Münchner Altbauwohnung vorbei. Ihre Tochter hatte auf diese Weise ganz Europa und Südamerika bereist und jetzt gibt die Mutter resp. die Couch der Mutter eben einen Teil davon zurück. Kaum erwähne ich, dass ich in Rom lebe, kommen wir auf die 1970er Jahre, als die Münchner Dame selbst einmal als Fotografin in Rom gelebt und gearbeitet hat. WG mit einer angehenden Schauspielerin etc. pp. Alles, was eben dazugehört ins Rom der 70er. Seit mindestens zwei Stationen sitzt inzwischen noch ein älterer Herr mit Schnauzer und einem kleinen Stoffkoffer gegenüber. Er verzieht keine Miene. Dass er zuhört, merkt man erst zweifelsfrei, als er zu lachen beginnt, als die Dame mich fragt, wie alt ich denn sei, und sofort zurückrudert. Sie wisse, dass man das ja nicht frage, sie wollte nur gern wissen ob ich N.N. kenne. Nein. Es hätte ja sein können, weil dieses und jenes… –

RollfeldUnd dann warf ganz unerwartet der ältere Herr : „Sie unterhalten sich doch gerade über andere Städte. Also ich lebe jetzt seit über 50 Jahren in Stockholm.“ Er sprach mit einem fast schweizerischen Einschlag in der Stimme und meinte, dass Schwedisch nach über 50 Jahren in Schweden auch leichter über seine Lippe käme. Jedenfalls sprach er aber natürlich fließend und grammatikalisch perfektes Deutsch, wenn auch ganz charmant gefärbt. Er besuche einmal im Monat seine alte Mutter. Manchmal begleite ihn seine Frau zum Einkaufen nach München, weil ihr die Kleider hier besser gefallen. Dann werde er schonmal angesprochen, wo er denn herkomme. Es erstaune wohl immer wieder, wenn sie sich miteinander auf Schwedisch beratschlagen, er dann aber mit bayerischem Dialekt mit den Verkäuferinnen spricht.

Zum Schluss gab es noch einmal für jeden von uns ein Schokoladenherzchen aus der goldenen Box, die schließlich mit den restlichen vier Herzchen in der Tasche der Münchner Dame verschwand, die am Flughafen einen Freund treffen wollte, der nur auf der Durchreise sei. Solche Touren habe ich auch schon gemacht, um mich mit einem Freund wenigstens auf einen Kaffee treffen zu können, der auf dem Weg nach Bratislava einen Zwischenstop in München hatte. – Selten ist die lange Strecke von der Münchner Innenstadt bis zum Terminal so verflogen. Dank sei den Schokoladenherzen!

Flughafen Franz-Joseph-Strauß MUC

Advertisements

Ein Gedanke zu „Schokoladenherzen in der Münchner S-Bahn“

  1. Die Erfahrung, dass die Italiener am ehesten über Beschwerden zueinander finden, habe ich ebenfalls gemacht. Letzten Freitag im Supermarkt. Gestern auf dem Bahnhof und später an einer Ampel. Ich bin immer noch ganz überrascht, wenn plötzlich jemand neben mir losmeckert und dann von mir erwartet, dass ich auch etwas dazu sage. :))

    Da finde ich die Schokoherzen und damit einhergehende Lebensgeschichten viel schöner.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s