Teatro Mobile

Flohmarkt

Die Vorstellung, die ich mir gestern Abend angesehen habe, gabs im Gran Teatro dei Burattini di Paolo D. Ein Kasperletheater, auch wenn der Kasperle nicht wirklich vorkam. Das Ganze fand auf einem unspektakulären Sonntagsmarkt in Lido di Ostia statt. Der Flohmarkt war mit wirklichen Marktständen mit Käse, Wurst, Gemüse und Blumen und mit dem üblichen Krempel sowie lebendigen Tieren. In der Regel Fische, Wellensittiche und Schildkröten. Hier anstatt der tartarughe allerdings Hühner- und Entenküken…

Mittendrin stand aber auch ein kleines Kasperletheater.  Freier Eintritt! Geld erwirtschaften die Puppenspieler mit dem Verkauf von Popcorn, Zuckerwatte und Eis… Der Trick scheint aufzugehen, denn jedes Kind (und mindestens ein Elternteil) knusperte an irgendwas herum! Das Stück scheint vom Tonband abgespielt zu werden. Die Puppen müssen nur noch zu den Dialogen bewegt werden. Schwer vermisst habe ich das Krokodil, das kommt und Kasperle fressen will und dann eins auf den – nicht vorhandenen – Hut bekommt. Stattdessen… carabinieri mit den schnieken Streifenhosen:

Kasperle

Der Dialekt klang eindeutig nach Neapel. So viele sci/sce/sch-Laute schaffen sonst nur Schwaben! In Italien gibt es aber noch zwei andere starke Puppenspielertraditionen: Neben Neapel auch die aus Bergamo und der Region Emilia. Neben dem nuschelnden Neapolitaner, der die Stimmen eingesprochen hatte, gab es aber auch noch ein anderes Indiz, das für Neapel spricht: Es gab die Pulcinella-Puppe! Neben anderen natürlich…

Handpuppen Neapel

Ende des 17. Jahrhunderts trat – wohl im Teatro San Giorgio de’ Genovesi in Neapel zum ersten Mal die Maske von Pulcinella auf. Sie wurde schnell zu einem Erfolg und darf bis heute nicht fehlen, wenn auch nur der schwache Anschein von Commedia dell’Arte erweckt werden soll.

Kasperle II

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich habe nicht besonders viel verstanden. Also vom Text. Den Inhalt schon. Es waren stets Episoden: Man schlug sich, man vertrug sich, man versuchte die Herzen der carabinieri zu erweichen… Wie das halt immer so ist, wenn die Wäsche auf Leinen über dem Fluss und zwischen den Häusern hängt und die Protagonisten Pomadenhaar, dünnes Schnurrbärtchen und Karojacke tragen. Oder nicht? Am faszinierendsten fand ich allerdings einen kleinen Jungen im Publikum, den seine Eltern wohl abgesetzt hatten, auf dass er sich das Kasperlespiel ansehe und sie in Ruhe über den Markt bummeln könnten. Zunächst saß noch ein größerer Junge – der Bruder?! – neben ihm. Bald schon war er allein. Und ganz gefesselt, ganz im Spiel. Eigentlich hätte ich den Kleinen auf gut 5 Jahre geschätzt, aber vielleicht war er doch noch etwas jünger…

TeufelKaum war nämlich Rauch aufgestiegen und die dunklen Trommeltöne kündigten den Teufel an, da war es auch schon um ihn geschehen. Die Hände erst zaghaft vor die Augen, dann ganz fest… Weil die dumpfe Musik aber auch dann noch so zusetzte (das wäre mir früher ebenso gegangen), wenn er die Augen verschlossen hatte, ging er schließlich dazu über, die Ohren zuzuhalten und ab und zu aus den zusammengekniffenen Äuglein herauszuschauen. Da man mit den Händen vorm Gesicht ja eh nicht erkennt, um welches Büblein aus Ostia es sich hier handelt, darf ich die Fotos wohl zeigen… Erinnert sich nicht jeder von uns daran, wie es war, klein zu sein?!

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Es ging übrigens gut aus. Der Kleine hat sich auch getraut, die Finger aus den Ohren zu nehmen und die Augen wieder zu öffnen. Der Rauch verzog sich, der Teufel verschwand in der Hölle. Alles war gut.

Die anderen Kinder blieben übrigens alle ganz ungerührt. Kleckerten ihr Eis herum, ließen die Popcorntüte ganz ohne Angst und Schrecken fallen und ich muss noch hinzufügen: So ein echter Pulcinella wars dann leider auch nicht. Denn ich habe ‚mal gelesen, dass traditionelle Puppenspieler die pivetta beherrschen müssten, um der Figur ihre typische Stimme zu geben. Die pivetta ist eine Art Pfeifchen, das am weichen Gaumen eingeklemmt wird, um dann damit zu sprechen. Stelle ich mir quietschig vor. Und das Puppentheater ist übrigens schon seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nicht mehr nur als Straßenkunst abgetan worden, sondern wurde an den Höfen gespielt. Hofstaat war gestern nicht zugegen, aber nett war es trotzdem!

Und jetzt ist aus.

Vorhang runter alles aus

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Ein Gedanke zu „Teatro Mobile“

  1. Du klingst irgendwie als wüsstest Du nicht, ob Du die Aufführung nun gemocht hast oder nicht. Vielleicht hatte der kleine Junge tatsächlich den größte Unterhaltungswert. 😉

    Ich habe mal in Palermo eine Vorstellung im Marionettentheater gesehen. Das war super und professionell.

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