Kenya

Good morning, buon giorno, habari za azubuhi! [26.11.2010]

Die Sprachverwirrung ist perfekt. Aber glücklich kann ich feststellen, dass mein Italienisch auch nach zwei Wochen Englisch noch nicht völlig verschütt gegangen ist. Seit Montag bin ich wieder zurück aus Afrika und die Erkenntnis, dass ich ein hoffnungsloser Fall von Sprachvermischung bin, lässt sich auch nicht mehr von der Hand weisen. Irgendwie funktioniert die Umstellung auf verändertes Milieu nur langsam. So brauchte ich einen halben Tag, um nicht immer mit einem schnellen „non fa niente“ oder “scusi/permessa“ zu reagieren, wenn ich angerempelt wurde. Und auch „yes“ und “sì“ habe ich großartig durcheinandergewürfelt. Meine Fremdsprachenkenntnisse scheinen sich nicht vorrangig in spezielle Sprachgruppen trennen zu lassen, sondern sind in erster Linie in der Kategorie „Nicht-Muttersprache“ zu fassen.

Warum Kenya?

Wo war ich? Ursprünglich war meine Idee gewesen, während meines Italienaufenthalts vornehmlich Urlaub in Italien zu machen. Aber nun habe ich doch die Gelegenheit genutzt und eine gute Freundin in Nairobi, der Hauptstadt von Kenya besucht. Zwei ganze Wochen hatte ich mir Zeit genommen, um wirklich eine Idee vom Land, seinen Leuten, ihrem Alltag und der Arbeit des Jesuit Refugee Service zu bekommen.

Und wo überhaupt…

Oft wird angenommen, dass Nairobi in etwa auf Höhe des Meeresspiegels liegt. In Wirklichkeit liegt die Stadt erstaunlich hoch, auf etwa 1.700m und hat dadurch auch kein ausgesprochen heißes Klima. Obwohl Nairobi nur knapp südlich des Äquators ist, hätte ich mir trotzdem oft eine eigene Fleecejacke gewünscht. Einen Rock hatte ich nur ein einziges Mal an, um beim Sonntagsgottesdienst nicht völlig aus der Reihe zu fallen. Ansonsten war es nur in den Mittagsstunden – wenn es nicht gerade regnete – warm und sonnig. Sobald man im Schatten war, schon wieder spürbar kühler. Und das, obwohl sich dort jetzt langsam der Sommer einstellt…

Nairobis Straßenverkehr

Um halbwegs autark zu sein, während meine Freundin tagsüber arbeitete, habe ich mir zunächst den Stadtverkehr erschlossen. Schließlich lernt man eine neue Stadt und eine fremde Kultur am besten kennen, wenn man den öffentlichen Nahverkehr benutzt und im Idealfall ‚mal zu jemanden nach Hause eingeladen wird. Der Verkehr ist schon ein Kapitel für sich und mit dem römischen Verkehrsgewimmel nicht ansatzweise zu vergleichen! Sobald es dunkel wird, was in Äquatornähe natürlich das ganze Jahr über verhältnismäßig früh ist, bewegen sich die meisten Weißen nur noch per Taxi (oder mit dem eigenen Wagen). Tagsüber stehen Linienbusse mit offener Tür und nur mäßiger Federung, dafür aber plüschiger Polsterung zur Verfügung. Oder man nimmt gleich ein sogenanntes Matátu. Vor allem letztere haben es mir angetan… Es sind Kleinbusse. Wobei der Begriff schon fast zu hohe Erwartungen schafft. Sie sind etwas kleiner als die alten VW-Busse. Mit 12 festen Sitzen, meistens Stahlstangensitze mit Kunstlederbezug, eng nebeneinander. Oft genug fahren statt der 12 vorgesehenen Personen bis zu 18 mit. Der Fahrer kümmert sich um die Straße (oder sein Handy, die Musikanlage, die Frau auf einem der beiden Beifahrersitze, je nach Priorität eben) und sein „Fahrerassistent“ kassiert das Fahrgeld, signalisiert, wann zu halten ist, dass noch Plätze frei seien oder er eben der Ansicht ist, er kriege auch noch Nummer 15 und 16 in den kleinen Bus hinein. Oft genug klemmt der „Assistent“ selbst nur noch außen am Trittbrett, wenn angefahren wird… Scheint die Sonne oder ist es zumindest trocken, zahlt man zwischen 20 und 30 kenyanische Schilling, was in etwa 25-35 europäischen Cent entspricht.

Regnet es, schnellt der Preis auf das zwei- oder sogar dreifache, schließlich ist dann immer traffic jam und das Matátu kommt trotz riskanter Überholmanöver nicht so schnell voran, dass es in vergleichbarer Zeit nicht zig Personen mehr befördern könnte. Da muss also draufgezahlt werden. In den Tageszeitungen wird über das Phänomen reflektiert, dass der Verkehr regelmäßig bei Regen zusammenbricht, die Autofahrer und vor allem die Matátu-Fahrer plötzlich wie wahnsinnig fahren und es zahlreiche Unfälle gibt. Eine Erklärung fanden die Kommentatoren noch nicht. Sie könnten eine Untersuchungskommission einrichten und römische Verkehrspolizisten hinzuziehen. Viel anders ist es hier bei sintflutartigen Regenfällen ja auch nicht.

Weiße Haut

Obwohl Kenya das Land der Safaris ist und eine der bekanntesten Kolonien Großbritanniens… Meines Weiß-Seins wurde ich mir sehr bewusst.

Ganz einfach weil man kaum weiße Hautfarbe sieht. Die Mehrheit auf den Straßen sind schwarze Kenianer. In den Matátus bin ich immer die einzige Hellhäutige gewesen; es sei denn ich war ohnehin gemeinsam mit der Freundin unterwegs, die ich dort besucht habe. In den Shopping Malls sah es dann aber anders aus. Da sitzen im Java Cafè – einer Art lokalem Starbucks – dann auch zahlreiche weiße Kenianer oder europäische Touristen. Wie die da alle hinkommen, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Vielleicht haben fast alle eigene Autos? Grooooße Geländewagen. Bevorzugt asiatischer Marken.

Safari-Sightseeing

Statt klassischer Safari, habe ich einen Tagesausflug zum Lake Naivasha gemacht, wohin man mit einem Taxifahrer in gut 2 1/2 Stunden Autofahrt gelangen kann. Auf einer Halbinsel kann man zu Fuß zwischen den Tieren spazierengehen. Wenn man es geschickt anstellt, kommt man recht nah an Gnus, Zebras, Antilopen und sogar ein paar Giraffen heran. Wo sich einer der Wasserbüffel aufhielt, wurde einem per Walkie Talkie (Hallo 1980er!) mitgeteilt, denn den sollte man tunlichst nicht aufspüren gehen. Schade, schade…

Das weniger touristische Programm… 

Fast interessanter fand ich die Möglichkeit, den größten Slum Nairobis (Kibera) mit einem local guide besuchen zu dürfen. Der Slum grenzt an der einen Seite an die Pferdeställe des noblen Vororts „Karen“ (benannt nach der Dänin Karen Blixen) und an einer anderen Stelle an einen Golfplatz, auf dem man wenige Meter entfernt Golfspieler sehen konnte. Durchschnitten wird der Kibera-Slum von einer Bahnstrecke, auf der vier Mal pro Tag Züge durch die Hütten fahren. Mittendrin aber z.B. ein Waisenhaus von Don Bosco, Schulen mit schlicht und ergreifend  n i c h t s  an Lernmaterial, zwei, drei zerfledderte Schulbücher, nicht einmal Kreide. Dafür jedoch an jeder Ecke Shops, in denen das Handy aufgeladen werden kann.

1901 als sich Nairobi langsam als Zentralort der britischen Kolonie herauskristallisierte, bezeichnete ein Zeitgenosse den Ort als den wohl „gesetzlosesten und gefährlichsten Ort Afrikas“ – das würde ich so heute definitiv nicht mehr gelten lassen. Aber man muss eben auch lernen, sich zurechtzufinden. Das Schwierigste für mich war in den ersten Tagen definitiv, dass ich nicht eigenständig beurteilen konnte, was gefährlich, was ungefährlich ist, wo ich mich frei bewegen darf, wo tunlichst nicht einmal aussteigen… Nach einigen Tagen wurde das bereits besser, aber die kurze Zeit von zwei Wochen reicht für ein vertieftes Verständnis ebensowenig wie dafür, geschickt und vorbildlich mit den Fingern zu essen. Das funktioniert nur mit Obst, nicht mit äthiopischen Fleischgerichten oder Reis…

Finally: Urlaub!

Die letzten Tage haben meine Freundin und ich an der Küste des Indischen Ozean verbracht. Wiederum eine ganz eigene Welt. Hauptsächlich islamisch, polygam, arabisch beeinflusst. Aber für die europäisch geschulten Augen eines Historikers wesentlich leichter zu erfassen und einzuordnen. Dort sind es dann auch Temperaturen um 33 Grad, blauer Himmel und Sonnenschein. Und Malariaregion. Wie hätte ich mir so ein Mitbringsel entgehen lassen können? Genau! Mit Antibiotikum kriegt man Malaria aber heute ganz gut in den Griff und so hoffe ich, dass ich nach einer Woche im Bett dann wieder zur Arbeit gehen kann.

Auf Lamu war es dann auch, dass ich ganz unerwartet einen Bezug zu Rom entdecken konnte. Auf dem Marktplatz in Lamu Town befindet sich diese hölzerne Gedenktafel:

Der dort namentlich genannte deutsche Botschafter ist inzwischen der deutsche Botschafter in Italien.

Und überhaupt: Rom! Noch kurz am Rande: Ich scheine einen neuen Portiere zu haben! Freundlich, aufgeschlossen, jung, charmant… Da muss ein Haken sein! Er trägt sogar die Post jeden Tag zu mir in den 4. Stock… Aber solange ich den Haken noch nicht gefunden habe, freue ich mich über diese weitere Gelegenheit italienischen Smalltalk zu üben!

See you soon, a presto, kwaheri ya kuonana!

Ciao a tutti!

[18.10.2010]

Es ist jetzt tatsächlich schon ein halbes Jahr vergangen, seitdem ich nach Rom gezogen bin. Die Zeit vergeht extrem schnell… Angekommen bin ich im März als es noch recht frisch und teilweise sehr verregnet war. Inzwischen nähere ich mich schon wieder mit großen Schritten den regnerischen Monaten… Aber dazwischen: Sommer! Richtiger Sommer… Allerdings bin ich dankbar, dass es im August wesentlich „kühler“ gewesen ist als normalerweise in der römischen Ferienzeit. Keine 40 Grad! Anfang 30 Grad und ein leichter Wind auf der Anhöhe, auf der ich meine Wohnung gefunden habe.

Erste Ausflüge nach Napoli…

Es war von Anfang an viel zu tun. Gleich Ende Mai habe ich gemeinsam mit einer französischen Kollegin einen internationalen Studientag ausgerichtet: http://www.efrome.it/fr/PDF/musici_28052010.pdf

Thema war die Situation fremder Musiker im Neapel des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts. Diese eintägige „Giornata di Studi“ war zugleich wissenschaftliche Auftaktveranstaltung für das Forschungsprojekt, in dem ich in den kommenden drei Jahren mit italienischen, französischen und deutschen Kollegen zusammenarbeiten werde.

Ursprünglich sollte die Tagung im französischen Centre Jean Bérard stattfinden. Da es auf französischer Seite aber offensichtlich Koordinationsprobleme gegeben hatte, ließ sich über Kontakt mit dem Deutschen Generalkonsulat in Neapel schließlich ein Saal im dortigen Goethe-Institut organisieren. Man stelle sich einen großen eindrucksvollen Palazzo vor, in dessen erstem Stock das Goethe-Institut untergebracht war. Der Aufgang über eine geschwungene Freitreppe, mit abbröckelndem Marmor. Leicht im Verfall… Aber ein großartiges Haus. Und auch eine gute Tagung… http://dhi-roma.it/fileadmin/user_upload/pdf-dateien/Tagungsberichte/2010/TB_Musicisti_europei_2010_09.pdf.

Aber vor allem: Beginnendes Interesse an Neapel! Eine faszinierende Stadt. Im Juni bin ich noch einmal für einen Tagesausflug hingefahren und um eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts zu treffen, mit der ich mich sehr gut verstanden hatte. Gemeinsam haben wir dann lediglich das griechisch-römische Viertel erkundet, waren damit aber den gesamten Tag voll und ganz beschäftigt! Spätestens im Dezember versuche ich ein weiteres Mal nach Neapel fahren. Schließlich ist die Stadt bekannt für ihr Krippenhandwerk und so manch andere Figuren…

Alltag a Roma

In Rom selbst steht weniger Sightseeing im Vordergrund als die Bewältigung des Alltags. Je nach Verkehrslage kann es bis zu einer Stunde dauern, um etwa vom westlichen Stadtrand zur Biblioteca Nazionale zu gelangen. Etwas schneller ging es, als ich im Juli/August mit Beständen des Archivs des Collegium Germanicum gearbeitet habe. Wenn ich demnächst im Archiv der Kirche S. Maria dell’Anima und danach im Archivio Segreto Vaticano und der Bibliothek mit den Recherchen beginne, wird es leichter. Denn zum Vatikan brauche ich nur die Gregorio VII hinunterfahren. Das geht mit diversen Buslinien und ich bin in der Regel in 10-15 Minuten da.

Ansonsten muss ich gestehen: Nein, ich habe noch keinen Gemüsehändler meines Vertrauens, der mich jeden Samstag mit – dem richtigen – Namen begrüßt! Aber ich habe „il portiere“ … einen muffeligen Pförtner, der mich morgens, wenns hoch kommt, mit einem genuschelten „Ciao!“ begrüßt. Immerhin war vergangene Woche Gelegenheit für nachhaltige Verbrüderung. Zwei Monate nachdem ich in einem Antiquitätengeschäft einen Esstisch erstanden habe, wurde besagter Tisch auch endlich geliefert. Eingepackt wie für eine Reise nach Spitzbergen, zwischen zwei Paletten festgebunden und mit 452.728 laufenden Metern Plastikfolie verpackt. Die Paletten konnte ich nicht alleine aufräumen, dabei musste dann der blickkontaktscheue muffelige Portiere helfen. Hat er auch! Und anlässlich dieser Kooperation hat sich ein knapper 5 Sätze Smalltalk ergeben. Immerhin! Umso sympathischer hingegen meine Nachbarn: Ein Ehepaar um die 60, die einige Jahrzehnte in England gelebt haben, fließend Oxford-Englisch parlieren und sich trotzdem immer auch ‚mal freundlich die Mühe machen, mit mir Italienisch zu sprechen, damit ich ein bisschen Übung habe. Wenn ich jetzt eines Tages noch einen römischen Friseur finde, der auch Damenkurzhaarschnitte nicht verhunzt, kann ich sagen: angekommen!