Teatro Mobile

Flohmarkt

Die Vorstellung, die ich mir gestern Abend angesehen habe, gabs im Gran Teatro dei Burattini di Paolo D. Ein Kasperletheater, auch wenn der Kasperle nicht wirklich vorkam. Das Ganze fand auf einem unspektakulären Sonntagsmarkt in Lido di Ostia statt. Der Flohmarkt war mit wirklichen Marktständen mit Käse, Wurst, Gemüse und Blumen und mit dem üblichen Krempel sowie lebendigen Tieren. In der Regel Fische, Wellensittiche und Schildkröten. Hier anstatt der tartarughe allerdings Hühner- und Entenküken…

Mittendrin stand aber auch ein kleines Kasperletheater.  Freier Eintritt! Geld erwirtschaften die Puppenspieler mit dem Verkauf von Popcorn, Zuckerwatte und Eis… Weiterlesen „Teatro Mobile“

Meine Lieblingskrippe in Rom!

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Weihnachten zu feiern, heißt Krippen aufzustellen. Es gibt Familien, in denen an jedem Tag im Advent ein weiteres Tier, ein Hirte oder ein Engel hinzugestellt wird, bis dann am Heiligen Abend das Jesuskind in der Krippe liegt und Weihnachten gefeiert wird. In Neapel gibt es ganze Krippengassen mit fließenden Bächen, Mühlen und detaillierten Alltagsszenen. Auf dem Petersplatz steht die größte Krippe in Rom, aber Weiterlesen „Meine Lieblingskrippe in Rom!“

Roma, Roma, Roma

Gestern Abend saß ich inmitten einer aufgebrachten, schreienden, sich überschlagenden Menschenmenge – freiwillig! Neben mir ein vielleicht 50/55-jähriger Italiener, der wiederholt mit seinen Händen Gesten machte, die offensichtlich Flüche unterstützen sollten… Ein normaler Abend im Fußballstadion!

Über Rom und Fußball ist schon so viel geschrieben worden, dass sich die Frage der Bedeutung des Fußballs erübrigt. Alles ist Fußball! Steigt man in ein Taxi, dann braucht man eigentlich nur kurz antippen: Roma? Lazio? Am besten man erahnt schon, welchem Verein der Taxifahrer anhängt, dann dann lässt sich gleich mit dem letzten Spiel einsteigen. Wer dann noch eine kurze Kostprobe des eigenen fußballerischen Sachverstandes gibt und sich als regelmäßigen Leser des Corriere dello Sport oder der rosafarbenen Gazzetta outet, kann vielleicht sogar mit einem Preisnachlass rechnen. Rom das sind zwei Traditions-Clubs: AS Roma – der Stadt-Verein, der entweder kurz AS oder Roma genannt wird, nie aber AS Roma – und Lazio, der Verein, der Rom umschließenden Region Lazio/Latium.

Nichts ist schlimmer als ein Derby! Für Ausstehende zumindest. Nichts ist aufwühlender, hitziger, erbarmungsloser für die wahren Fans!

Gestern nun war ich zum zweiten Mal im Stadion. Eine Partie, bei der es um viel ging… Championsleague-Teilnahme? Welcher Tabellenplatz in der Seria A? Heimspiel für AS Roma gegen SSC Napoli. Neapel spielte in hellblau – das sind auch die Farben des Heimrivalen S.S. Lazio, der neben Neapel auch Chancen auf die Championsleague hat…

Das Spiel wurde bereits im Vorfeld als Sicherheitsrisiko eingestuft. In Italien ist es nicht zuletzt wegen zahlreicher Ausschreitungen von Fans nur noch möglich, frühestens fünf Tage vor einem Spiel Tickets zu kaufen. Man muss hierfür ein Ausweisdokument vorlegen und die Tickets sind personalisiert. Damit wird versucht, Hooligans vom Stadion fernzuhalten. Ein anderer Versuch zielt mit vergünstigten Karten für Frauen und Kinder darauf ab, mehr Frauen ins Stadion zu kriegen, was einer weniger aggressiven Stimmung zuträglich sein soll. Nachdem man mir gestern allerdings erzählte, dass die zahlreichen Feuerwerkskörper und Böller (der Lautstärke nach waren es illegale Polen-Böller!) üblicherweise in der Unterwäsche von Frauen ins Stadion geschmuggelt werden, bin ich mir bei dieser Strategie nicht mehr so sicher, ob sie wirklich greift…

Beim Eingang wird zwei Mal der Ausweis mit dem Ticket abgeglichen. Wie scharf die Sicherheitsvorkehrungen waren, ließ sich im Stadion dann unschwer daran erkennen, wie viele Neapel-Fans ihre kleinen erlaubten Fahnen schwenkten: Mehr als 2.000 dürften es nicht gewesen sein. Als Fan des SSC Napoli konnte man für dieses spezielle Spiel nur dann Tickets kaufen, wenn man neben einem Ausweis auch eine sogenannte Tifoso-Karte vorlegte, die nur erhält, wer sehr viele persönliche Angaben hinterlegt. Auch das dient dazu, keine Ultras, keine Hooligans ins Stadion zu lassen. Um den kleinen Block mit Neapolitanern standen so dermaßen viele Ordner, dass es schon eine Schau war. Wir allerdings saßen in der genau gegenüberliegenden Ecke am Rand des Roma-Blocks und versuchten uns an die Geräuschkulisse zu gewöhnen.

Ein kleines bisschen fühle ich mich jedesmal wie ein heroischer Gladiator, den die Menge bejubelt, wenn man die Treppe hochgeht und sich dann plötzlich der Blick auf den Rasen öffnet und gleichzeitig die volle Lärmkulisse auf einen einschlägt oder vielmehr: einsingt! Roma, Roma, Roma … Fangesänge sind eben doch besser als Vuvuzelas! Wenige Minuten vorm Anpfiff erheben sich die Fans, halten ihre Schals in die Höhe und singen aus voller Brust die Hymne ihres Vereins:

Roma Roma Roma
core de ’sta Città
unico grande amore
de tanta e tanta ggente
che fai sospirà.

Roma Roma bella
lassace cantà,
da ’sta voce nasce n’coro
so‘ centomila voci 
ciai fatto ’nnamorà. 

Roma Roma mia,
t’ho dipinta io
gialla come er sole
rossa come er core mio

Roma Roma Roma
nun te fà ’ncantà
tu sei nata grande
e grande hai da restà 

Roma Roma Roma
core de ’sta Città
unico grande amore
de tanta e tanta gente
m’hai fatto ’nammorà

An dieser Stelle könnte man jetzt damit beginnen, Milieustudien zu betreiben wie der eine Franzose, den wir dabei hatten. Oder man lässt sich einfach ‚mal drauf ein und macht mit! Tss… Franzosen! Der Text ist ja nu‘ wirklich eingängig und Antonello Venditti zeichnet für den Erfolg der Hymne höchstpersönlich verantwortlich. Der Verlauf des Spiels ist rasch skizziert: Zweimal 45 Minuten, ein Ball, elf Spieler, ein Unparteiischer, der auch souverän pfiff.

Verlauf wie folgt: Roma ging durch Marquinho nach einem regelrechten Ansturm (wenngleich wenig elegant und eher mit stümpernder Kraft als wirklicher Taktik) in der 41. Minute in Führung. Ausgleich und 2. Treffer für Neapel dann durch Juan Camilo Zuniga (49. Minute) und Edinson Cavani (67. Minute). Neapels Zuspiel war deutlich präziser, die Mannschaft in sich geschlossener. Neapel dominierte das Spiel in der zweiten Hälfte deutlich. Aber Fabio Enrique Simplicio gelang dann noch spät in der 88. Minute der Ausgleichstreffer. Endstand 2:2 unentschieden.

Die Wiederholung wichtiger Pässe oder der Torschüsse fehlt im Stadion natürlich. Ich muss also zugeben, dass ich kurzfristig abgelenkt war und in der 88. Minute beobachtete, wie zahlreiche Roma-Fans enttäuscht in Richtung Asgang strebten, als der Ausgleich fiel. Ich hab das Tor also nicht gesehen… Aber sagen wir so: zufrieden war keiner! Roma hätte gewinnen müssen, Neapels Trainer Walter Mazzarri oder auch Trainer „Ich-trage-meine-original-1980er-Lederjacke-bis-zum-Umfallen“ haderte damit, dass seine Mannschaft nicht alle Chancen verwertet hatte. Was hätte da erst der geschasste AS-Trainer Luis Enrique sagen sollen bei ca. 317 mehr oder weniger guten Torchancen der Römer in der ersten Halbzeit? Aber Enrique blieb wenig Gelegenheit irgendwas zu sagen. Es wäre auch untergegangen in „Enrique raus!“ Rufen der Fans. Richtig gehört habe ich diese Krawalle gar nicht. Im Gegenteil, als der Kapitän mit einem kläglichen Teil der Mannschaft und dem Trainer nach dem Spiel zu den Ultras in der Südkurve ging und mit den Fans sprach (zu sprechen versuchte?), waren wir davon ausgegangen keine Sprechchöre gehört zu haben, die wie so oft in letzter Zeit „Enrique raus!“ skandierten. Wenn es gerufen wurde, dann habe ich es nur heute der Gazzetta dello Sport entnommen. Deren Titelschlagzeile am Tag danach: ROM BRENNT!

Besonders faszinierend für mich sind im Stadion in Rom immer wieder die Fans…

Der bereits erwähnte Herr links von mir hat jedes Mal, wenn der Ball mit einem Napoli-Spieler gefährlich in die Nähe des gegnerischen Tores kam, sofort angefangen, Flüche zu murmeln oder – etwas häufiger der Fall  – zu brüllen und Gesten wie diese zu machen. Mit den kleinen Fingern wie Hörnchen aufs Spielfeld und auf die gegnerischen Spieler gerichtet. Ich habe im Internet kein passendes Bild gefunden, also füge ich hier ‚mal eine Skizze ein, falls es jemand nachmachen will. Sagen wir ‚mal so: es scheint nicht wenig zu nützen… Neapel war die bei weitem überlegendere Mannschaft, als mein Sitznachbar zu Hochform auflief und es ist ja nur ein Unentschieden geworden… Zu der Geste gehört ein Chor aus „Puzza Napoli“, was sich mit einiger dialektaler Färbung dann wie „Buzza Napule/Napoli“ anhört… Spielt auf das Müllproblem an und heißt in etwa „Was ist blau und stinkt?! – NAPOLI!“ in freier Übersetzung.

Einem aufopferungsvollen Freund habe ich es sogar zu verdanken, dass ich zu Beginn der zweiten Hälfte eine Stadion-Wurst probieren konnte! Hot Dog im Vergleich zu New York und Washington D.C. – die Wurst kann mithalten. Das Brot nicht. Aber geschmeckt hat es trotzdem sehr sehr lecker und die Entscheidung ohne Ketchup und Majo zu bestellen, hat sich auch ausgezahlt! Zurück zu den Fans: Lazio gilt in überheblicher Verallgemeinerung oft als der Club mit den „faschistischen Fans“ – es ist aber so, dass auch viele Gesten, die Verachtung gegenüber dem Gegner, den gegnerischen Fanblocks, dem Schiri, dem Rasen, den Möwen, dem Ball u.ä. zum Ausdruck bringen sollen, bei AS Rom ebenso aussehen. Ein anklagend erhobener rechter Arm – vom Ellenbogengelenk abwärts wird der Unterarm wiederholt nach vorne geworfen – gehört einfach dazu… 

Fazit: Viel gelernt – ein toller Abend. Leicht eingeschränktes Hörvermögen auf dem Rückweg. Ein Fußballspiel im Stadion sollte man von Zeit zu Zeit einfach besuchen. Als Historiker ist das Foro Italico ohnehin ein Muss. Denn der Zugang zum Stadion ist ungebrochene faschistische Überlieferung: Man trifft sich am Obelisken. Was am Foro Italico nicht etwa ein aus der ägyptischen Provinz abmontiertes antikes Relikt meint, sondern den faschistisch phallusartig in den Himmel ragenden MVSSOLINI-DVX-Obeliks mit faschistischer Jahreszählung. Frisch renoviert.

Eine Gedenkplakette, um was für ein Objekt welcher historischer Epoche es sich hier handelt, sucht man trotzdem vergeblich.
Über Mosaike mit einschlägigen Botschaften geht es dann zum Stadio Olimpico und wenn man Zeit hätte, ließe sich da eine ganze Menge besichtigen. Nur dazu sollte man halt ‚mal wiederkommen, wenn gerade kein Spiel stattfindet…

Forza Roma!

Ciao a tutti!

[18.10.2010]

Es ist jetzt tatsächlich schon ein halbes Jahr vergangen, seitdem ich nach Rom gezogen bin. Die Zeit vergeht extrem schnell… Angekommen bin ich im März als es noch recht frisch und teilweise sehr verregnet war. Inzwischen nähere ich mich schon wieder mit großen Schritten den regnerischen Monaten… Aber dazwischen: Sommer! Richtiger Sommer… Allerdings bin ich dankbar, dass es im August wesentlich „kühler“ gewesen ist als normalerweise in der römischen Ferienzeit. Keine 40 Grad! Anfang 30 Grad und ein leichter Wind auf der Anhöhe, auf der ich meine Wohnung gefunden habe.

Erste Ausflüge nach Napoli…

Es war von Anfang an viel zu tun. Gleich Ende Mai habe ich gemeinsam mit einer französischen Kollegin einen internationalen Studientag ausgerichtet: http://www.efrome.it/fr/PDF/musici_28052010.pdf

Thema war die Situation fremder Musiker im Neapel des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts. Diese eintägige „Giornata di Studi“ war zugleich wissenschaftliche Auftaktveranstaltung für das Forschungsprojekt, in dem ich in den kommenden drei Jahren mit italienischen, französischen und deutschen Kollegen zusammenarbeiten werde.

Ursprünglich sollte die Tagung im französischen Centre Jean Bérard stattfinden. Da es auf französischer Seite aber offensichtlich Koordinationsprobleme gegeben hatte, ließ sich über Kontakt mit dem Deutschen Generalkonsulat in Neapel schließlich ein Saal im dortigen Goethe-Institut organisieren. Man stelle sich einen großen eindrucksvollen Palazzo vor, in dessen erstem Stock das Goethe-Institut untergebracht war. Der Aufgang über eine geschwungene Freitreppe, mit abbröckelndem Marmor. Leicht im Verfall… Aber ein großartiges Haus. Und auch eine gute Tagung… http://dhi-roma.it/fileadmin/user_upload/pdf-dateien/Tagungsberichte/2010/TB_Musicisti_europei_2010_09.pdf.

Aber vor allem: Beginnendes Interesse an Neapel! Eine faszinierende Stadt. Im Juni bin ich noch einmal für einen Tagesausflug hingefahren und um eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts zu treffen, mit der ich mich sehr gut verstanden hatte. Gemeinsam haben wir dann lediglich das griechisch-römische Viertel erkundet, waren damit aber den gesamten Tag voll und ganz beschäftigt! Spätestens im Dezember versuche ich ein weiteres Mal nach Neapel fahren. Schließlich ist die Stadt bekannt für ihr Krippenhandwerk und so manch andere Figuren…

Alltag a Roma

In Rom selbst steht weniger Sightseeing im Vordergrund als die Bewältigung des Alltags. Je nach Verkehrslage kann es bis zu einer Stunde dauern, um etwa vom westlichen Stadtrand zur Biblioteca Nazionale zu gelangen. Etwas schneller ging es, als ich im Juli/August mit Beständen des Archivs des Collegium Germanicum gearbeitet habe. Wenn ich demnächst im Archiv der Kirche S. Maria dell’Anima und danach im Archivio Segreto Vaticano und der Bibliothek mit den Recherchen beginne, wird es leichter. Denn zum Vatikan brauche ich nur die Gregorio VII hinunterfahren. Das geht mit diversen Buslinien und ich bin in der Regel in 10-15 Minuten da.

Ansonsten muss ich gestehen: Nein, ich habe noch keinen Gemüsehändler meines Vertrauens, der mich jeden Samstag mit – dem richtigen – Namen begrüßt! Aber ich habe „il portiere“ … einen muffeligen Pförtner, der mich morgens, wenns hoch kommt, mit einem genuschelten „Ciao!“ begrüßt. Immerhin war vergangene Woche Gelegenheit für nachhaltige Verbrüderung. Zwei Monate nachdem ich in einem Antiquitätengeschäft einen Esstisch erstanden habe, wurde besagter Tisch auch endlich geliefert. Eingepackt wie für eine Reise nach Spitzbergen, zwischen zwei Paletten festgebunden und mit 452.728 laufenden Metern Plastikfolie verpackt. Die Paletten konnte ich nicht alleine aufräumen, dabei musste dann der blickkontaktscheue muffelige Portiere helfen. Hat er auch! Und anlässlich dieser Kooperation hat sich ein knapper 5 Sätze Smalltalk ergeben. Immerhin! Umso sympathischer hingegen meine Nachbarn: Ein Ehepaar um die 60, die einige Jahrzehnte in England gelebt haben, fließend Oxford-Englisch parlieren und sich trotzdem immer auch ‚mal freundlich die Mühe machen, mit mir Italienisch zu sprechen, damit ich ein bisschen Übung habe. Wenn ich jetzt eines Tages noch einen römischen Friseur finde, der auch Damenkurzhaarschnitte nicht verhunzt, kann ich sagen: angekommen!