Auch Christkinder haben manchmal Hunger

Der zweite Weihnachtsabend neigt sich dem Ende… Da bietet es sich an, mal wieder ein Bild aus der Reihe „Ungewöhnliche Madonnenbilder“ zu präsentieren. Die Darstellung einer stillenden Maria ist altbekannt und erfuhr im Barock (muss ja meine Lieblingszeit hier immer ‚mal wieder einstreuen!) auch so faszinierende Ausformungen wie Springbrunnen, deren Wasserstrahl durch die Brust der Madonna geleitet wurde. „Madonna lactans“ ist der Fachbegriff für diese Mariendarstellungen. In Spoleto habe ich jedoch ein Bild gefunden, das den Moment vor dem Stillen zeigt: Jesus hat Hunger! Ok, der Kleine sieht auf dem Bild – der Zeit entsprechend – eher aus wie ein kleiner Erwachsener. Schauen wir darüber halt hinweg, aber genau hin:

San Gregorio Maggiore, Spoleto

„Mama! Hunger!“ – Die Kirche, in der das Bild hängt, müsste San Gregorio Maggiore Santa Eufemia(!) gewesen sein. Eine romanische Kirche wars in jedem Fall. Wenn ich das nächste Mal dort bin, prüfe ich es nochmal nach, aber ich denke, dass mein Freund und Kunsthistoriker und Galerist und Epigraphiker Ingo schon Recht hat… Er korrigierte mich gerade. Andere Kirchen kommen jedenfalls nicht in Frage, obwohl Spoleto noch deutlich mehr Kirchen zu bieten hätte. Da wären San Nicolò, der Dom S. Maria Assunta, San Paolo inter Vineas, San Domenico, SS. Giovanni e Paolo, San Lorenzo, San Filippo, S. Ansano oder S. Maria della Manna d’Oro.

Advertisements

Spoleto und Goethe

„Terni, den 27. Oktober, abends. … Spoleto hab‘ ich bestiegen und war auf der Wasserleitung, die zugleich Brücke von einem Berg zu einem andern ist. Die zehen Bogen, welche über das Tal reichen, stehen von Backsteinen ihre Jahrhunderte so ruhig da, und das Wasser quillt immer noch inSpoleto an allen Orten und Enden. Das ist nun das dritte Werk der Alten, das ich sehe, und immer derselbe große Sinn. Eine zweite Natur, die zu bürgerlichen Zwecken handelt, das ist ihre Baukunst, so steht das Amphitheater, der Tempel und der Aquadukt. Nun fühle ich erst, wie mir mit Recht alle Willkürlichkeiten verhaßt waren, wie z. B. der Winterkasten auf dem Weißenstein, ein Nichts um Nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz, und so mit tausend andern Dingen. Das steht nun alles totgeboren da, denn was nicht eine wahre innere Existenz hat, hat kein Leben und kann nicht groß sein und nicht groß werden.“ Goethe, Italienische Reise

Goethe, Spoleto, Ponte

Ungefähr dieser Teil des Eintrags vom Oktober 1786 muss auf dieser großen Tafel stehen, die an einem Ende der Ponte delle Torri in Spoleto steht. Vielleicht treffe ich ja nochmal jemanden von der Casa di Goethe bei einem der nächsten Vorträge in Rom. Denn ich glaube zwar nicht, dass die ihr Augenmerk auf die Goethe-Verbindungen in Umbrien legen, aber vor wenigen Jahren war das noch eine lesbare, gepflegte Tafel. Und die zwei Male, die ich bereits in Spoleto war, habe ich jeweils Leute vor der zweisprachigen Tafel stehen und lesen sehen, was Goethe zur beeindruckend langen Brücke in den Bergen zu schreiben hatte. Er hielt sie übrigens (wie viele Touristen von heute) für einen Aquädukt. Es ist aber eine mittelalterliche Brückenanlage, die wegen ihrer Länge (230m) und dem Aufgreifen der Aquäduktform (selten im 13./14. Jh.) berühmt geworden ist.

Die Tafel mit Goethes Zitat wird inzwischen vor allem benutzt, um Liebesschlösser anzubringen. Die steinerne Brücke selbst bietet hierzu keine Gelegenheit. Wie viele Schlüsselchen unterhalb der Brücke tief im Wald zu finden sind, kann ich nur ahnen. Überprüfen wollte ich es nicht, denn es hatte geschneit und die Wege waren schon auf Asphalt rutschig. Der Domvorplatz ganz besonders, weil er gepflastert ist. Aber mit dem wegtauenden Schnee hatte die Stadt einen ganz eigenen Charme.

Spoleto, Dom, Domfassade, Fresko

Hatte aber auch den Nebeneffekt, dass es schweinekalt war. Ich hatte extra Handschuhe und eine warme Wollmütze dabei, aber irgendwann nützte das dann auch nichts mehr. Drei Jahre Rom und ich verweichliche zusehends…

Die abschüssige Treppe bin ich nur schööön langsam hinunter- und hinaufgestiegen. Immerhin: ich bin nicht ausgerutscht. Hat man das falsche Objektiv dabei, muss man eben weit hinaufsteigen, um überhaupt einen größeren Teil der Domfassade aufs Foto zu kriegen. Der Bau ist 1175 begonnen worden, nachdem ein Vorgängerbau von Barbarossas Truppen zerstört worden war. Inzwischen ist der Dom innen weitgehend barockisiert, hat aber auch noch einige deutlich ältere Fresken. Mich hatte (da ich Spoleto ja bereits kannte) aber vor allem Foligno fasziniert, das zwar die Nebensaison tapfer nutzt, um wirklich jeden Fußweg und jeden größeren Platz mit neuem Straßenbelag oder Pflaster zu erneuern, aber die Kirchen waren allesamt sehr sehenswert. Mein Archivausflug nach Umbrien hat sich also auch angesichts der kleinen Stadtbummel bei Eiseskälte gelohnt!

Spoleto, Dom, Domplatz