Rom: was ich vermisse

Knapp dreieinhalb Jahre habe ich in Rom gelebt. Und ich habe mich richtig wohl gefühlt. Meine Nachbarn waren nett, mein Portiere ist mit seiner Familie ins Erdgeschoss gezogen und war dadurch quasi immer greifbar, ja selbst der Wasserschaden in meinem Wohnzimmer ist nach einem Jahr dann doch ‚mal beseitigt worden. Ich bewegte mich in der Stadt bald mit schlafwandlerischer Sicherheit und kam in der Regel nie zu spät, weil es mir gelang, die Entfernungen und die Zeit, die man mit öffentlichen Verkehrsmitteln benötigt, einzuschätzen. Meinen Bäcker, meinen Gemüsestand und meine Bar(s) hatte ich inzwischen auch gefunden… Aber nun bin ich vor kurzem wieder nach Deutschland gezogen. Der Eingewöhnungsprozess dauert noch an. Und vieles vermisse ich…

Morgendunst_Blick auf Rom

(1) Ich vermisse den Verkehr… Es gibt genug Momente, in denen ich über die rasenden Autofahrer schimpfe. Wenn sie mir als Fußgänger bei rot fast über die Füße fahren, wenn sie bei Regen plötzlich wahnwitzige Manöver machen und wenn sie versuchen sich zu fünft nebeneinander über eine eigentlich zweispurig gedachte Straße zu drängeln. Andererseits genieße ich es, Teil dieses spielerisch-chaotischen Verkehrs zu sein. Als Autofahrerin achte ich kaum noch auf die Spurmarkierungen, überhole rechts wie links und achte doch bei allem darauf, vergleichsweise passiv zu fahren, um das Miteinander im Blick zu behalten. Und: es gelingt! Das wird mir in Deutschland doch sehr fehlen, denn dort heißt es ja in der Regel: eine rote Ampel ist eine rote Ampel ist eine rote Ampel… etc. pp.

(2) Ich vermisse die Nähe zum Meer… 

Gegen Mittag klingelte mein Portiere bei mir und überreichte mir die Post der vergangenen Tage. Darunter auch eine wunderbar blaue Postkarte aus der Schweiz. Welches Land hat weniger direkten Zugang zum Meer? Den Schweizern scheint es jedenfalls schmerzlich bewusst zu sein, denn allen Bergseen zum Trotz stand auf der Vorderseite der Karte „Steig ein, wir fahren ans Meer…“ – auf der Rückseite wiederum ermahnte mich die Freundin, die sie mir schickte, ich sei doch schließlich in Italien, also los, ab ans Meer und dolce vita! Und hat sie nicht Recht? Obwohl ich (wenn Bus und Bahn keine Kalamitäten bieten) in 45 Minuten meine Füße ins Meer halten kann, tue ich es viel zu selten… Vielleicht weil ich weiß, ich könnte es jederzeit? Meine letzten Monate werde ich häufiger mit einem abendlichen Ausflug ans Meer verschönern. Danke, Maria!

(3) Ich vermisse das Gemüse… 

Dass ich so einen Satz schreibe, hat nichts damit zu tun, dass mich irgendwer einer Gehirnwäsche unterzogen hätte. Es ist eher so, dass ich einzelne Gemüsesorten erst hier in Italien schätzen gelernt habe. Solange sie warm gemacht werden, esse ich also auch Gemüse. Vor allem Zucchini und Mangold… mmmh! Aber besondere Freunde macht mir zur Zeit meine Tomate auf dem Balkon. Es ist Ende September und sie hat jetzt doch noch begonnen, Tomaten  wachsen zu lassen. Gepflanzt habe ich sie nie. Im Gegenteil: Ich habe einfach einen großen Pflanzenkübel in der Ecke meines Balkons zum Kompost erklärt und eines Tages wuchs dort eine Tomate. Sie muss sich aus den Tomatenresten selbst gesät haben, denn ich schneide die Mitte der Tomaten immer heraus und leere das schlabberige Tomatensamenzeugs in den Komposteimer. Dass sich so sogar noch Tomaten züchten lassen, hätte ich nicht gedacht. Zumal der Busch erst zu sprießen begann, als die warme Zeit zu Ende schien. Aber wenn die milde Herbstsonne noch reicht, soll es mir nur recht sein. Widerstandsfähig ist meine Tomate jedenfalls: zwei mehrtägige Dienstreisen hat sie bereits ohne Wasser überlebt!

(4) Ich vermisse den Regen… 

Ok, Rom ist nicht London und trotzdem regnet es von Oktober bis März/April so viel, dass sich die Reiseveranstalter scheuen, die Niederschlagsmenge ehrlich anzugeben. Aber nach monatelanger Hitze freue ich mich jedes Mal wieder über den ersten richtigen Regen. Und anschließend freue ich mich, dass es nur selten durchregnet, sondern nach einem kräftigen Schauer oft schon wieder die Sonne durchkommt. Dieses schnell umschlagende Wetter im Herbst und das stabile Sommerwetter werden mir fehlen!

(5) Ich vermisse Trenitalia… 

Die zum Teil massiven Verspätungen habe ich schon nicht mehr erleben müssen. Das italienischen Schienennetz ist deutlich kleiner als das deutsche, dafür funktioniert es im Fernverkehr auch ausgezeichnet. Regionalzüge sind hingegen oft noch ein überfülltes Abenteuer, das unweigerlich neue Kontakte und (ggf. auch unerwünscht näherrückende) Gesprächspartner mit sich bringt… Aber ich liebe Bahnhöfe und vor allem leere, un po‘ rotto… Trenitalia wird mir fehlen, keine Frage!

(6) Ich vermisse den caffè … und den cappuccino [etc.] auch!

Mmmm… und den caffè macchiato, caffè lungo, caffè doppio, caffè ristretto, latte macchiato, caffè latte, caffè corretto, caffè mischio und ‚mal auch einen caffè sorbetto!

(7) Ich vermisse die kleinen Wochenmärkte… 

…auf denen man in so unglaublicher Vielfalt Gemüse und Obst in Formen und Farben findet, die keine EU-Normvorschrift erfüllen würden! Auf Sizilien habe ich spiralförmige Gurken gesehen, hellgelbe meterlange dünne Zucchini und in Rom Zitronen, denen man im deutschen Supermarkt kaum trauen würde, dass man den Genuss überlebt. In Rom kann ich mir da sicher sein und genieße diese Auswahl!

(8) Ich vermisse die Trinkbrunnen… 

Das Wasser, das hier und da aus den öffentlichen Trinkbrunnen strömt, schmeckt oft besser als das Leitungswasser. Einige alte Römer behaupten überzeugt, sie könnten herausschmecken, aus welchen Zuleitungen das Wasser kommt, wenn man es ihnen vorsetzen würde… In jedem Fall ist es so erfrischend! Und ich vermisse dieses dichte Brunnensystem, sobald ich im Sommer in anderen italienischen Städten unterwegs bin und automatisch nach sprudelndem Wasser Ausschau halte.

(9) Ich vermisse die kommunistischen Plakate… 

Aus rein ästhetischer, rückwärts gewandter Perspektive, versteht sich!

(10) Ich vermisse solche Sonnenuntergänge… 

Wobei ich solche Sonnenuntergänge (wenn auch ohne Schirmpinien im Vordergrund) natürlich überall haben kann… Aber eben nicht so regelmäßig! Etwas mehr Regen oder doch wenigstens trüberes Wetter wäre mir manchmal zwar lieb, aber das konstante schöne Sommerwetter macht wenigstens regelmäßige Abende auf der Terrasse möglich.

(11) Ich vermisse die modischen Statements… 

Junge Männer in lilafarbenen Daunenwesten, mit pinkfarbenem Hemd oder nachts um 1Uhr mit dunkler Sonnenbrille… Immer auch ’nen Blick wert: die Schaufensterauslagen mit Schuhen mit abstrus hohen Absätzen, unmöglichen Leopardenmustern, großartigen Kleidern, grünen Herrenhosen oder schreiend bunten Krawatten! Yeah! – und übrigens trägt die Italienerin zur Zeit keine mintgrünen Hosen mit knallorangenem Blazer. Es sind seit einiger Zeit nämlich Sandtöne angesagt: beige!

 

(12) Ich vermisse den Sinn fürs Praktische… 

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Nicht nur in Rom, sondern in ganz Italien bin ich immer wieder einem ganz fantastisch spitzbübischen Sinn fürs wirklich Praktische begegnet… Das Faszinosum der Waschmaschinen auf dem Balkon werde ich zwar nie so richtig verstehen, denn eigentlich regnet es doch zu viel, um Elektrogeräte draußen anzuschließen, oder? Aber schön ist doch diese  Tür aus dem 17. Jahrhundert, durch die Weinfässer hindurch bugsiert wurden. Dicke Weinfässer!

(13) Ich vermisse solche Ausblicke… 

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Einfach ‚mal ins Auto steigen und nach kurzer Zeit in Latium, in Umbrien oder in Kampanien sein… Das hier ist ein Ausschnitt vom Papstpalast in Viterbo.

(15) Ich vermisse die speziellen Strände in der Nähe von Rom…

Natürlich bin ich viel zu selten die 30km ans Meer gefahren. Dabei bräuchte man nur an der Stazione Ostiense in die Regionalzüge zu steigen und wäre in 30 Minuten in Ostia Lido. Aber ab und zu denke ich eben doch dran, wie schön es ist, die Option zu haben, in kürzester Zeit an den Strand zu gelangen. Im Herbst und im Winter mag ich es dort sogar lieber als in der Hoch- und Badesaison… Es ist dann zwar alles recht dreckig und verkommen, aber der Blick auf so schrubbelige, verbarrikadierte Sommerlokale hat seinen besonderen Reiz!

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4 Kommentare zu „Rom: was ich vermisse“

  1. Mmm… sigh! Ich werde demnächst ‚mal aufs Präsenz umstellen: Ich vermisse! Denn inzwischen bin ich ja schon umgezogen. Die erste Woche in Deutschland ist herum… Habe gerade um die Ecke einen cappuccino getestet und mich mit dem Sizilianer in Winterjacke darüber unterhalten, dass es ein grausliger Anti-Juni ist! Doppel-sigh!

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